AGNP-Symposium II: Comorbiditätsprobleme in der PsychopharmakologieNürnberg 1999 Vorsitz: Laux, Linden Interaktionen von Psychopharmaka mit internistischer Begleitmedikation C. Hiemke, S. Härtter and H. Weigmann Psychiatrische Klinik der Universität Mainz Wenn psychiatrische Patienten zusätzlich zu ihrer psychischen Störung an einer internistischen Erkrankung leiden, sind in der Regel mehrere Medikamente für die Behandlung notwendig. Bei solchen Patienten besteht ein erhöhtes Risiko im Auftreten von Arzneimittelwechselwirkungen (Abb. 1). Unter Kombinationsbehandlungen findet man insbesondere pharmakokinetische Wechselwirkungen an arzneimittelmetabolisierenden Enzymen der Leber. So kann beispielsweise durch die Einnahme eines ß-Blockers wie Propranolol oder Metoprolol das Cytochrom P-450 (CYP) Isoenzym 2D6 gehemmt werden und ein poor metabolizer (PM)-Status entstehen. PM reagieren trotz Einhaltnung einer therapeutisch empfohlenen Dosis auf Medikamente empfindlich, die bevorzugt über CYP2D6 abgebaut werden. Es können durch Neuroleptika vermehrt unerwünschte Nebenwirkungen wie motorischen Störungen auftreten. Unter trizyklischen Antidepressiva wie Nortriptylin sind bei PM Intoxikationen berichtet. Arzneimittelwechselwirkungen mit Enzyminduktion können auch ein Abschwächung der Wirkung eines Medikamentes zur Folge haben. Das Anticholinergikum Oxybutynin, häufig angeordnet zur Behandlung einer Harninkontinenz, induziert beispielsweise CYP3A4. Entsprechend wird nach Einnahme von Oxybutynin der Abbau von Clomipramin oder Clozapin beschleunigt, Wirkspiegel sinken und die therapeutische Wirkung kann nachlassen. Nach bisherigen Erfahrungen ist eine vitale Gefährdung durch Interaktionen zwischen distinkten psychiatrischen und internistischen Arzneimitteln selten. Trotzdem ist bei jeder Kombinationstherapie das potentielle Risiko des Auftretens von Arzneimittelinteraktionen zu bedenken. In Einzelfällen muß mit vitalen Zwischenfällen gerechente werden. Kombinationstherapien sollten immer unter Beachtung möglicher Interaktionen erfolgen, um Intoxikationen oder Wirkverluste möglichst zu vermeiden. Dies gilt insbesondere dann, wenn Medikamente mit geringer therapeutischer Breite verordnet werden. Eine derzeit noch zu selten genutzte Kontrollmaßnahme ist therapeutisches Drug Monitoring (TDM). Mit TDM kann eine Kombinatiostherapie überwacht werden und bei unklarer Datenlagen überprüft werden, ob Arzneimittelinteraktionen bestehen.
Abb. 1: Der Weg eines Psychopharmakons von der oralen Einnahme zum Wirkort Gehirn und Faktoren, die das Zustandekommen einer wirksamen Konzentration im Gehirn beeinflussen. Arzneimittelinteraktionen kommen in erster Linie auf der Ebene des hepatischen Stoffwechsels vor. |