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Pressemitteilung
der Arbeitsgemeinschaft
für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP)
Antidepressive
Psychopharmakotherapie - Versorgung und Forschung
Die Möglichkeiten der Behandlung mit antidepressiven Medikamenten werden
unzureichend genutzt. So erhalten weniger als 20% der depressiv Kranken
eine antidepressive Pharmakotherapie, wie sie entsprechend international
anerkannten Leitlinien indiziert wäre. Dies ergibt sich aus repräsentativen
Erhebungen u.a. im Auftrag der WHO wie auch aus Hochrechnungen anhand
der Verordnungen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherungen. Es
handelt sich um ein internationales und nicht nur deutsches Problem. Die
Gründe sind vielfältig. Sie liegen nur zum Teil in der Schwierigkeit der
korrekten psychiatrischen Diagnostik durch Allgemeinärzte. Allgemeinärzte
versorgen ca 70% aller depressiv Kranken. Die Gründe liegen auch und besonders
in unverändert schlechtem Ruf und unzureichender Akzeptanz von psychischem
Krankseins allgemein und der Psychopharmakotherapie im besonderen. Psychisches
Kranksein wird unverändert als Stigma erlebt. Sog. alternativie Behandlungsverfahren
werden gegenüber der Psychopharmakotherapie favorisiert.
Die
Skepsis gegen Psychopharmaka gründet besonders auf der Sorge vor Nebenwirkungen
und Abhängigkeit. Diese Sorge ist unberechtigt. Ein Abhängigkeitsrisiko
bergen nur Tranquilizer und Schlafmittel (Benzodiazepine und Benzodiazepin-ähnliche),
nicht aber Antidepressiva. Gefährliche andere Nebenwirkungen waren schon
bei Antidepressiva der ersten Generation sehr selten und sind bei modernen
Antidepressiva Raritäten.
Gefährlich
aber ist die psychische Krankheit selbst, nämlich lebensgefährlich. Bis
zu 80% der Opfer von Selbsttötung hatten an einer Depression gelitten,
nur ein Bruchteil war adäquat behandelt. Dies ist der Grund, warum sich
an den Selbsttötungsraten trotz der medizinischen Fortschritte seit 1950
nichts grundlegendes zum Guten geändert hat. In anderen Staaten werden
deshalb derzeit umfassende Interventionsprogramme gestartet, nicht aber
in Deutschland.
In
Deutschland muß im Gegenteil damit gerechnet werden, daß unter dem Druck
der geplanten Richtgrößen für die Verordnung von Arzneimitteln durch den
niedergelassenen Arzt die psychopharmakotherapeutische Unterversorgung
zementiert wird. Die Richtgrößen werden auf der Basis des Jahres 1995
kalkuliert. Damals wurde die Arzneiverordnung bereits infolge des Gesundheitsstrukturgesetzes
restriktiv gehandhabt. Hinzu kommt, daß seit 1995 eine Reihe innovativer
und damit teurerer Psychopharmaka zugelassen wurden. So ist zu befürchten
(und die Realität zeigt es jeden Tag), daß neue und besser verträgliche
Pharmaka den Kranken aus vermeintlichen Kostengründen vorenthalten werden.
Dieses Kostenargument ist kurzsichtig, weil die Medikamentenkosten weniger
als 10% der direkten Krankheitskosten und nur ca 3% der gesamten Krankheitskosten
ausmachen. Es spricht einiges dafür, daß die höheren Medikamentenkosten
durch Einsparungen dank besserer Verträglichkeit kompensiert werden.
Deutschland
braucht eine umfassende Initiative, das Problem der Unterdiagnostik und
Untertherapie zu bewältigen, mit dem Ziel, die Selbsttötungsraten und
die Kosten vor allem der stationären Behandlung nachhaltig zu senken.
Die
antidepressive Psychopharmakotherapie hat bezüglich der Wirksamkeit bisher
keine Innovation erfahren. Die Wirkprinzipien entsprechen denen der ersten
Entdeckungen in den 50er Jahren. Deshalb bedarf es neuer Anstrengungen
in der Forschung. Früher war Deutschland weltweit führend in der Arzneimittelentwicklung,
heute erfüllt Deutschland in Relation zum übrigen Wohlstand nicht seinen
internationalen Auftrag. U.a. deshalb wurden die 90er Jahre zum "Decade
of the Brain" deklariert. Die klinische Entwicklung von Psychopharmaka
hat in Deutschland aber mit besonderen Problemen zu kämpfen, die sich
u.a. aus ungeklärten haftungsrechtlichen Fragen und ethischen Fragen bei
doppel-blinden und Placebo-kontrollierten Studien ergeben.
Wann
ist antidepressive Pharmakotherapie indiziert?
Die Krankheiten,
ihre Häufigkeit, ihre Gefährlichkeit
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Psychische
Störungen zählen zu den häufigsten Krankheiten überhaupt. Mit ca
16% wurden im Jahr 1994 Krankenhausbetten in Deutschland ebenso
oft wegen psychischer Krankheiten wie wegen Herz-Kreislauf-Krankheiten
belegt. Rund 10% der Kosten für stationäre Behandlung entfallen
auf psychische Krankheiten. Dabei sind diejenigen Störungen am häufigsten,
bei denen die Wirksamkeit von Antidepressiva belegt ist. Diese tragen
mit ca 20% zu den stationären Behandlungskosten bei. Dazu gehören:
· primäre
Depressionen im Rahmen unipolarer und bipolarer (manisch-depressiver)
affektiver Störungen,
· sekundäre
(symptomatische) Depressionen,
· Dysthymie
(sog. neurotische Depression),
· generalisierte
Angststörung (andauernde Angst),
· Panikstörung
(Angstanfälle) mit oder ohne
· Agoraphobie
("Platzangst"),
· soziale
Phobie (z.B. "Lampenfieber"),
· Zwangsstörung
(z.B. Waschzwang, Kontrollzwang),
· Bulimia
nervosa (Essattacken).
Am
häufigsten sind Depressionen. Nach neuesten Erhebungen beläuft sich
das Risiko, irgendwann im Leben an einer unipolaren Depression zu
erkranken, in Deutschland für Männer auf 4.4% und für Frauen gar
auf 13.5%. Unbehandelt dauert eine Krankheitsepisode bei unipolarer
Depression ca 9 Monate, bei bipolarer (manisch-depressiver) Störung
ca 5 Monate. Alle diese Krankheiten bergen ein hohes Risiko zu rezidivieren.
Die unipolare Depression rezidiviert bei bis zu 80% der Kranken
im weiteren Verlauf, die bipolare Störung bei nahezu 100%. Dabei
werden die gesunden Intervalle immer kürzer, d.h. die Episodenfrequenz
steigt. Obwohl es sich um zwar nicht heilbare, aber gut behandelbare
Krankheiten handelt, liegt die Rate vorzeitiger Berentung hoch.
Entsprechend hoch sind die Krankheitskosten; allein die der Depression
liegen in der Größenordnung der koronaren Herzkrankheit. Ca 15%
der depressiv Kranken sterben durch eigene Hand. Bis zu 80% der
Suicidopfer litten an einer Depression. Alle genannten Krankheiten
bergen wegen ihres langfristigen Verlaufs das Risiko der Entwicklung
einer Benzodiazepinabhängigkeit; zumindest bei einem Teil der Benzodiazepin-Langzeitverordnungen
handelt es sich um eine suboptimale Therapie einer Depression.

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Welche
Chancen bietet die moderne Therapie mit Antidepressiva?
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Antidepressiva
wirken bei Depressionen und auch unabhängig vom Bestehen einer Depression
bei verschiedenen Störungen mit Angst. Die antidepressive Psychopharmakotherapie
führt in der Routineanwendung bei bis zu 90% der Kranken zur Beschwerdefreiheit.
Dies bedeutet allerdings keine Heilung. Keine der verfügbaren Therapieformen
für psychische Krankheiten kann bisher Heilung herbeiführen. Immer
besteht ein hohes Risiko späteren Wiederauftretens der Beschwerden.
Dabei scheint die Zeit bis zum Wiederauftreten der Beschwerden nach
Psychotherapie länger als nach antidepressiver Psychopharmakotherapie
zu sein. Andererseits ist die Psychotherapie speziell bei der Depression
nur in leichteren Fällen wirksam.
Die
lindernde Wirkung der Antidepressiva entwickelt sich allmählich,
d.h. bis zur Beschwerdefreiheit vergehen einige Tage bis zu einigen
Wochen. Damit Beschwerdefreiheit erreicht wird, muß das Antidepressivum
kontinuierlich eingenommen werden. Die Geschwindigkeit des Eintritts
der vollen Wirkung unterscheidet sich zwischen verschiedenen Störungen.
Sie ist am geringsten bei Zwangskrankheit. Manche Antidepressiva
haben zusätzlich beruhigende und schlafanstoßende Wirkungen; diese
treten unmittelbar mit der Einnahme ein.
Nicht
alle Antidepressiva wirken bei allen Störungsformen gleichermaßen:
Bei der Zwangskrankheit sind nur Antidepressiva wirksam, die spezifisch
den Botenstoff Serotonin beeinflussen. Ansonsten gibt es bisher
keinen Beleg, daß ein Antidepressivum anderen in der Wirksamkeit
überlegen wäre (sehr wohl unterscheiden sich die Antidepressiva
aber in ihren Nebenwirkungsprofilen).
In
Placebo-kontrollierten, doppelblinden Studien sind die Erfolgsraten
nicht ganz so eindrucksvoll wie in der Routineanwendung. Dies liegt
vermutlich an den anderen Bedingungen und Erwartungen von Kranken,
die sich zur Teilnahme an solchen kontrollierten Studien bereitfinden.
Hier erreichen durchschnittlich 2/3 der Kranken unter dem Antidepressivum
und 1/3 unter Placebo eine mehr als 50%ige Besserung. Je leichter
eine Störung ist, mit desto ausgeprägterer Wirkung von Placebo ist
zu rechnen.
Ob
Antidepressiva Suicide verhindern, ist Gegenstand der Forschung.
Die in der Regel nur kurzen, ca 6-wöchigen, kontrollierten Studien
erlauben hierzu nur sehr begrenzte Aussagen, da akut Suizidgefährdete
hier aus ethischen Gründen ausgeschlossen werden und die Beobachtungsdauer
zu kurz ist. Nur für das Rezidivprophylaktikum Lithium, das also
über Jahre eingenommen wird, ist belegt, daß es Suizide verhindert.
Bei einzelnen Antidepressiva gibt es entsprechende Hinweise.
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Welche
Risiken birgt die Therapie mit Antidepressiva?
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Alle
Antidepressiva verursachen bei bis zu 30% unerwünschte Begleitwirkungen.
Diese sind meist "nur" subjektiv unangenehm und nicht objektiv gefährlich.
Sie werden mit der Dosis und der Geschwindigkeit der Dosissteigerung
häufiger. Nur selten zwingen sie zum Absetzen, sie erhöhen aber
die spontane Therapieabbruchrate. Die Art der unerwünschten Wirkungen
ist typisch für einzelne Substanzgruppen.
Anticholinerge
Eigenschaften trizyklischer Antidepressiva und des Maprotilin verursachen
Mundtrockenheit, Sehstörungen, diskrete Beschleunigung der Herzfrequenz
(<15 Schläge/min), erschwertes Wasserlassen und Verstopfung.
Die Lern- und Leistungsfähigkeit wird beeinträchtigt, besonders
bei alten Menschen, manchmal bis zur Verwirrtheit.
Weitere
vegetative Begleitwirkungen betreffen Hitzewallungen, Frieren, Schwitzen,
Finger-Tremor. Appetitsteigerung mit Kohlenhydrathunger und Gewichtszunahme
sind wohl der antiserotonergen (5HT2) Wirkkomponente zuzuschreiben.
Die
antiadrenergen Eigenschaften der unselektiven Antidepressiva verursachen
bei ca 10% körperlich Gesunder eine Störung der Blutdruckregulation
(orthostatische Hypotonie), die das Risiko von Sturz mit Verletzungen
in sich birgt. Das Risiko einer orthostatischen Hypotonie ist besonders
groß bei Herzinsuffizienz.
Die
Sedierung kann besonders bei Therapiebeginn auch erwünscht sein,
bedeutet aber ein Problem in der ambulanten Therapie (Arbeitsfähigkeit,
Straßenverkehr). Bei längerer Gabe entwickelt sich eine partielle
Toleranz gegen die Sedierung.
Selten
(0.3-0.6%) werden epileptische Anfälle ausgelöst.
Die
trizyklischen Antidepressiva und auch Maprotilin sind Antiarrhythmika
der Klasse Ia. Die sog. Kardiotoxizität trizyklischer Antidepressiva
ist im therapeutischen Bereich kein Problem, sofern nicht bereits
eine Reizleitungsstörung vorbesteht.
Typische,
wenn auch seltene unerwünschte Effekte einzelner Substanzen (Mianserin,
Mirtazapin) betreffen die Blutbildung. Unter Trazodon kann sich
ein Priapismus (anhaltende Erektion) entwickeln (1:10000); hiermit
hängt wohl die prosexuelle Wirkung von Trazodon zusammen. Die übrigen
unselektiven Antidepressiva hemmen eher das sexuelle Interesse und
die Potenz.
Selektiv-serotonerge
Antidepressiva weisen ein anderes Nebenwirkungsprofil auf. Autonome
und kardiovaskuläre Begleitwirkungen fehlen. Typische Nebenwirkungen
auch des Venlafaxin sind Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen, außerdem
mangelnde Beruhigung oder gar Verstärkung von Unruhe. Typisch sind
auch Störungen der sexuellen Funktionen, speziell verzögerte Ejakulation.
Typisch für Venlafaxin ist ein geringer (2-8 mmHg), dosisabhängiger
Blutdruckanstieg.
Nur
unter dem irreversiblen MAO-Hemmer Tranylcypromin und nicht unter
dem reversiblen Moclobemid muß Diät eingehalten werden.
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Da
depressiv Kranke einem erhöhten Risiko suizidaler Handlungen ausgesetzt
sind, müssen Antidepressiva auch bei Vergiftungen sicher sein. Dieser
Forderung entsprechen die neuen Antidepressiva eindeutig besser.
Die
Provokation suizidaler Impulse durch Antidepressiva konnte eindeutig
ausgeschlossen werden.
Antidepressiva
verursachen sicher keine Sucht.
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Wie werden
die Chancen der Therapie mit Antidepressiva genutzt?
Inanspruchnahme:
Unterdiagnostik, Untertherapie
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An
den Suizidraten, die in 50-80% der Fälle einer Depression anzulasten
sind, hat sich trotz der Fortschritte der Psychopharmakotherapie
und Psychotherapie nichts geändert.
Entsprechend
Erhebungen des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Bundesvereinigung
(ZI-KBV) erbringen im ambulanten Bereich Allgemeinärzte und Internisten
ca 51% aller psychiatrischen Versorgungsleistungen. Entsprechend
der WHO-Versorgungsstudie machen psychische Störungen ca 25% der
Klientel dieser Arztgruppe aus. Dabei werden nur bis zu 60% der
psychischen Störungen tatsächlich als solche identifiziert, nur
<20% psychopharmakologisch behandelt.
Auch
ein zwangsläufig grober Vergleich des anhand von Krankheits-Prävalenzen
und empfohlener Behandlungsdauer ermittelten Bedarfs an Verordnungen
von Antidepressiva (SOLL) mit den tatsächlichen Verordnungen zu
Lasten der GKV (IST) zeigt eine deutliche Unterdeckung des Bedarfs
bezüglich Lithium und Antidepressiva. Ob die in den letzten Jahren
dramatisch wachsende Verordnung von Johanniskraut-Extrakten als
pflanzliche Antidepressiva tatsächlich die Unterversorgung reduziert,
muß offen bleiben.
Der
Befund einer Unterversorgung der Bevölkerung mit Antidepressiva
stimmt in der Größenordnung mit der internationalen Literatur überein.
Es handelt sich also um ein internationales Problem.
In
einer schwedischen Analyse ergab sich, daß nur ein Bruchteil der
Suizidtoten zuvor überhaupt (16%) und in hinreichender Dosis (<10%)
antidepressiv behandelt worden war. Demgegenüber ist das Problem,
daß in ca 15% der Fälle Antidepressiva als Instrument für suizidale
Handlungen verwendet werden, von untergeordneter Bedeutung. Für
Deutschland ist errechnet worden, daß sich pro Jahr durch Lithium-Verordnung
entsprechend international anerkannten Leitlinien ca 200 Suizide
verhindern ließen.
Die
Gründe für die Unterversorgung liegen z.T. an der schwierigen psychiatrischen
Diagnostik, aber auch in der Stigmatisierug und daraus resultierenden
geringen Akzeptanz psychischen Krankseins, und schließlich im geringen
Ansehen der Psychopharmaka in der Öffentlichkeit. Laut Representativbefragungen
favorisieren nur 10-15% der Bevölkerung den Einsatz von Psychopharmaka
gegenüber anderen, z.T. nur fraglich wirksamen Therapieformen. Als
führende Gründe für das schlechte Ansehen der Psychopharmaka werden
Nebenwirkungen, an erster Stelle die Sorge vor Abhängigkeit, und
Zweifel an der Wirksamkeit angegeben.
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Was läßt
sich in der Therapie mit Antidepressiva verbessern?
Bedarfsdeckung,
Erhaltungstherapie, Rezidivprophylaxe
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Angesichts
der Unterversorgung wurde in den USA 1988 ein nationales Programm
zur Verbesserung der Versorgung aufgelegt ("The NIMH depression
awareness, recognition and treatment program"). In Schweden (Gotland)
wurde 1983-1984 ein Fortbildungsprogramm für Allgemeinärzte durchgeführt
und evaluiert. Dabei zeigte sich ein Rückgang der Aufnahmeraten
in psychiatrische Krankenhäuser um 50%, die Verweildauer sank, die
Suizidrate nahm ab. Nach Ende des Programms kehrten alle diese Parameter
zur Ausgangslage zurück. In direktem oder mittelbarem Zusammenhang
mit dem WHO-Programm "Gesundheit 2000" werden derzeit in einer Reihe
europäischer Staaten entsprechende Interventionsprogramme aufgelegt.
Hier hat Deutschland allen Grund mitzuziehen.
Angesichts
des rezidivierenden Verlaufs der Krankheiten, bei denen Antidepressiva
wirksam sind, wäre die Umsetzung der international akzeptierten
Empfehlungen für die Erhaltungstherapie und rezidivprophylaktische
Therapie ein großer Erfolg: die antidepressive Therapie ist als
Erhaltungstherapie über 6 Monate nach der Remission mit der
für die Remission notwendigen Dosis fortzusetzen, entsprechend neuen
Empfehlungen der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft
bis zu 18 Monate.
Bei
unipolarer Depression eignen sich Antidepressiva in therapeutischer
Dosis auch zur Prophylaxe. Die lebenslange Rezidivprophylaxe
ist dann indiziert, wenn sich die erste und bisher einzige Manifestation
nach dem 50. Lebensjahr ereignete, oder nach ³ 2 Episoden und einem
Ersterkrankungsalter ³ 40 Jahre, oder nach ³ 2 Episoden innerhalb
von 5 Jahren, oder nach ³ 3 Episoden.
Bei
bipolaren Störungen sind Antidepressiva wegen des Risikos der Provokation
einer Manie oder gar der Induktion eines Rapid Cycling (³ 4 Phasen/Jahr)
in der rezidivprophylaktischen Therapie kontraindiziert. Entsprechend
wäre bei bipolarer Störung die antidepressive Therapie mit Ende
der Erhaltungsphase ausschleichend zu beenden bei Fortführung der
bereits initial eingeleiteten Prophylaxe mit Lithium. Die Indikation
liegt dann vor, wenn der aktuellen Episode innerhalb der vier Vorjahre
eine weitere Episode vorausging, entsprechend den Empfehlungen der
WHO (1989) nach der 2. Krankheitsepisode.
Trotz
der zahlreichen neuen Antidepressiva besteht Innovationsbedarf.
Die neuen Substanzen sind nur bezüglich der Verträglichkeit und
nicht bezüglich der Wirksamkeit innovativ. U.a. deshalb wurden die
90er Jahre zum "Decade of the Brain" deklariert. Die klinische Entwicklung
von Psychopharmaka hat in Deutschland aber mit besonderen Problemen
zu kämpfen, die sich u.a. aus ungeklärten haftungsrechtlichen Fragen
und ethischen Fragen bei doppel-blinden und Placebo-kontrollierten
Studien ergeben.
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